Erinnerungen aus der Gründerzeit
1961-2001
Nachstehende Zeilen basieren nicht auf Vollständigkeit, sondern
nur auf Zeitetappen die leider
nicht mit Fotodokumenten belegt werden können.
Teil 1. 1961 - 1990
Die tiefen Furchen der Nachkriegszeit, wie überall im Land , hinterließen
auch in unserer Gemeinde Großfurra ihre Spuren.
Wohnungsnot, mangelhaftes Warenangebot in allen Sortimenten, Zuwachs
an Flüchtlingen und Umsiedlern, wenig Lohn für schwere Arbeit
standen auf derTagesordnung.
Von staatlicher Seite der damaligen DDR - Regierung wurden umfassende
Gesetze erlassen , um weitgehende Linderung zu erwirken und den Wiederaufbau
voran zu bringen.
- Bildung von Wohnungsgenossenschaften ( AWG )
- Einführung von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
(LPG Typ1-3 )
- Gründung von bäuerlichen Handelsgenossenschaften , sogenannte
BHG-Läden.
- Abschaffung der Lebensmittelkarten , Aufbau einer freien Verkaufskultur
zur Sicherung der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln.(
HO & Konsumläden )
- Nicht zuletzt die Wiederbelebung des Kleingarten Siedler - und Kleintierzüchterwesen,
wie bereits vor Kriegszeiten
von Herrn Dr. Schreber in Leipzig gegründet, die sogenannten "
Schrebergärten".
Diese umfassenden Gesetzlichkeiten machten auch um Großfurra
keinen Bogen!
Es begann in den Jahren 1958- zum Sommer 1962 , wo junge Bergarbeiterfamilien
zum überwiegenden Teil im 3 Schichtbetrieb tätig, mit Hacke,Schaufel
und Schubkarre, ihre vier Wände und
ein Dach über den Kopf schufen.
Mehr als 1000 Aufbaustunden ohne Lohn mußten dafür erbracht
werden.
Natürlich neben den finanziellen Anteilen für jede Wohnung.
Es was die AWG-" Glückauf " . 36 Familien hatten ein neues zu
Hause!
Diese Konzentration junger Familien, die Sorgen der Mütter , im
Ringen um das tägliche Brot waren Ausgangsbasis und Forderung
zugleich an die Gemeindeverwaltung Land bereit zu stellen zur Gründung
einer Kleingartensparte.
Bereits im Herbst 1960 standen diese Forderungen mehrmals in der Gemeindeverwaltung
auf der Tgaesordnung.
Im Mai 1961 , war es endlich soweit !
Am Pumpenhaus des Kaliwerkes "Glückauf" trafen sich der Ortsvorsteher
Paul Truhmann, der LPG - Vorsitzende Hermann Schulze und derMaschinist
Heinz Roland, beide von der " Heide ".
Die Bergleute:
Otto Kuhl, Max Volkmann, Emiel Gabler, Erhard Michel und Richard Hartung,
alle Mitglieder der Wohnungsgenossenschaft waren bei der Übergabe
des Brachlandes
dabei.Nach der Frühschicht erschien der Gemeindevertreter Hugo
Schmidt, der
Ortsbrandmeister Gerhard Koch und der damalige Eisenbahner Herr Blättermann.
Bis zum späten Abend wurden die ersten 24 Parzellen mit Strick
und Holzzirkel vermessen.Im Durchschnitt 200 m², damit viele junge
Bergarbeiterfamilien ein Stück Land zugewiesen bekamen.
Auf Wunsch der örtlichen Organe wurden die kinderreichen Familien
aus der AWG zuerst berücksichtigt.
Ich erinnere an Fritz Ludwig, Kurt Schlapa, Hans Seiffge, Helmut Liebau,
Erhard Michel, Hans Spannaus, Willi Czapla und Max Volkmann, um nur einige
zu nennen.
Alle vorgenannten kamen zuerst in den " Lostopf".
Am 2.Tag nach der Landübergabe waren 24 Parzellen verlost. Herr
Blättermann wurde von der Gemeindeverwaltung zum Vorsitzenden benannt.
Diese Funktion übte er bis 1971 aus.
Was war geschehen?
Wir hatten ein Stückchen Land!
Kein Bergmann wurde als kleingärtner oder Kleintierhalter geboren.
Es waren Zeiten
des Lernes, Arbeitens und Probierens. Das verfügbare Land mußte
von Steinen und
Schilfbewuchs schrittweise iurbar gemacht werden.
Die erste Anbauphase begann 1962.
Die Parzellen nahmen langsam Gestalt an.
Zäune,Geräteschuppen,Kanichenställe bzw. behelfsmäßige
Hühnerställe, überwiegend
aus Abbruchmaterial prägten die Anfangsjahre.Mit sichtbarwerden
am ehemaligen Pumpenhaus , von 1961-1965 , entstanden aus 24 Parzellen
60 Kleingärten.
Viele Bürger unserer Gemeinde standen auf der Warteliste zum Erwerb
einer Parzelle.
Selbst Grundstückseigner mit wenig Gartenland trugen zum Anwachsen
der Sparte bei.
Ich erinnere an 3 Brüder der Familie Bruhn, Frau Müller,
Rudi Lämmer, Hans Hagenbruch, Frl. Tamm, Manfred Lehrling, Dietmar
Straube, Kurt Ludewig,
Manfred Würz, Günter Hohnstein, Elsa Liebetrau, Gerhard Schumacher
und Ernst Rott.
Genau in dieser schweren Anfangsphase wurde von der Regierung
am 06.04.-07.04.1963 der erste Verbandstag der Kleingärtner, Siedler
und Kleintierzüchter einberufen.
Das dort beschlossene Statut wurde auch in unserer jungen Sparte zum
Leitfaden.Geregelt waren Rechte und Pflichten, Oranisationsaufbau, sowie
finanzielle Mittel des Verbandes bis zur kleinsten Sparte. Die Schwerpunkte
lagen in der Zusammenführungen aller Sparten, wie Kleingärtner,
Rassezüchter: Geflügel,Kaninchen,Pelz,Hunde,Pferde und Taubenfreunde.
Aus der vorgegebenen " Liebeshochzeit " wurde es in unserer Sparte
" Nichts".
Hauptursche waren mangelhafte Bereitstellung von Futtermitteln, Saatgut
und Baumaterial. Selbst der damalige Kreisvorstand unter Leitung von Otto
Hesse sowie des Fachberaters Herrn Hausschild waren überfordert.
Ein Beispiel:
Für 60 Parzellen unserer Anlage konnten sie nur 3 Rollen Dachpappe
bereitstellen. Alle Futtermittel, Sämereien, Pflanzkartoffeln bis
hin zu Pflanzenschutzmitteln mußten ja " gerecht " verteilt werden.
All diese angeführten Sorgen und Probleme aus den Anfangsjahren
konnten der eigentlich gewollten Entwicklung eines gesunden Spartenlebens
nicht im Wege stehen.
Fleiß und Ausdauer im Gemüse, Obst und Beerenanbau, Kanichen
und Hühnerhaltung deckten den Tisch der Hausfrauen.Gegenseitige Hilfe,
Kameradschaft, Zusammenhalt und freundliches Miteinander über den
Gartenzaun oder mit Blick in den Stall, waren nicht wegzudenkende Tagesaufgaben.
Im Jahre 1971 gab es folgerichtig einen entscheidenden Höhepunkt
unserer Sparte.
Der bis dahin amtierende Vorsitzende Herr Blättermann wurde von
der Reichsbahnhofstelle Großfurra
zu einen höheren Dienstort berufen.
Ein neuer Vorsitzender mußte her!
Die Bereitschaft zur Übernahme und Verantwortung ehrenamtlicher
Tätigkeiten war damals schon nicht besonders ausgeprägt!
Nach tagelangen Tauziehen erfolgte im Februar 1971 in der Gaststätte"
Drei Linden" ,Inh. Hans Sachse im Beisein des Bürgermeisters Herrn
Bräuning, sowie des Kreisvorsitzenden Herrn Hesse eine außerordentliche
Vollversammlung.
Im Ergebnis wurde der damalige Ortsvorsitzende der " Nationalen Front
" Reinhard Dörfler gewählt.
Der Stellvertreter Rudi Lämmer, der Kassierer Rudi Hermann und
die Schriftführerin Elsa Liebetrau, der Kassenprüfer Emil Gabler
und Walter Köthe standen ihm zur Seite.
Die aufgaben und Ziele des Kleingartenwesens standen erneut auf dem
Prüfstein.Von der staatlichen Seite erfolgte die Auflage zur
maximalen Obst- und Gemüseproduktion. Alle Gemüsesorten, erträge
von Beeren und Obst, die nicht zum Eigenverbrauch bestimmt waren, sollten
dem freien Aufkauf zugeführt werden.
Diese Zeitetappe 1971-1989, damals Jahre des Sozialistischen " Wettbewerbs"
genannt, fand auch in unserer Sparte Einklang.
Das Motto lautet 100 m² Fläche, gleich 100 kg Obst und Gemüse.
" Bester Kleingärtner ", " Hervorragendes Spartenkollektiv" und
" Vorbildliche Frauenaktiv " waren die Schlagzeilen in der Fachzeitschrift
der Kleingärtner und Siedler. Eine schwere Aufgabe für den Vorstand.
Erfassung und exakte Wettbewerbsergebnisse waren jedes Quartal gegenüber
den Kreisvorstand meldepflichtig!
Doch die jungen Gartenfamilien ließen sich nicht entmutigen
die Lernjahre aus der Anfangszeit trugen Früchte. Der kleine" Wettbewerb"
unter den Gartenfrauen in der Einkochzeit hatten immer Vorrang. Die Frage,"
wieviele Gläser Erdbeeren, Erbsen,
Kirschen oder Marmelade hast du schon im Keller?", konnte man ständig
über den Zaun hören.
Auch da gab es immer gegenseitige Hilfe und Erfahrungsaustausch, bis
hin zu fehlenden leeren Gläsern oder Gummiringen.
In dieser langen Zeitetappe, fielen aber auch umfassende Umgestaltungen
an.
Hohe Erträge zu erzielen, die Pflanzen mit Nahrung, vor allem
mit Wasser zu versorgen, erforderte den Bau von Wasserleitungen und Zapfstellen
in jeder Parzelle.
Das Kaliwerk gestattete den Anschluß im Pumpenhaus.
Bedingung war, die eigene Materialbeschaffung und Eigenleistung der
Schachtung und Montagearbeiten.
Aber dafür zum " Nullpreis" Wasser.
Alle Mitglieder griffen wieder zur Hacke, Schaufel und Spaten, das
erste Wasser floß 1974.
Im selben Jahr beendeten einige Mitglieder die Kanichenhaltung und
Herr Czapla
erwarb Eigentumsland zur Hühnerhaltung.(Das heutige Eigenheimland
der Familie Pittner.)
Bereits ein Jahr später begannen die Mitglieder Gerd Bunzel, Erhard
Michel,
Gerhard Koch, Dietmar Straube und Albrecht Köthe mit dem Abriß
der behelfsmäßigen Schuppen und Ställe, es enstanden die
ersten Gartenlauben.
Dieser Umgestaltungsprozeß vollzog sich bis Ende der 80er Jahre.
Mit Zuwachs von "Brandschutz" geeigneter Gartenlauben, es begann 1982,
forderten viele Gartennutzer Elektroanschluß.
Diese neue Herausforderung stellten Vorstand, Gemeindeverwaltung, Kaliwerk
und Energieversorgung der Stadt Sondershausen vor ein scheinbar unlösbares
Problem.
Das Kaliwerk unter der damaligen Leitung Herrn Dieter Naumann, selbst
Fachspezialist der Energetik, mußten aus Preisgünden des Vorlieferanten
die Hilfe an die Sparte versagen.
Die Kleingärtner von Großfurra waren jedoch durch ihren
Fleiß und Tatendrang gefragte Ansprechpartner zur Übernahme
freiwilliger gemeinnütziger Arbeitsleistungen:
- Schachtungsarbeiten zur Verlegung einer Telefonleitung für die
Firma " Päckert " Großfurra - Neuheide,
- viele Stunden im Schwimmbad , Bau der Kegelbahn ...
- Baumbepflanzung am Jugendclub,
- Feldrainbepflanzung des unteren Hasselweges
wurden durch sie bewältigt.
Aber noch kein" Licht "in der Sparte.
Der Zufall kam zur richtigen Zeit. Die Energieversorgung Sondershausen
mußte eine neue Trasse im Wiesenweg verlegen, entlang der AWG-Blöcke.
Handschachtung war angesagt.
Dank der hartnäckigen Verhandlungen unseres Spartenvorsitzenden
mit der Energieversorgung übernahmen die Kleingärtner auf der
Basis von " Gegenleistung "
die gesamten Erdarbeiten.
Die Sparte erhielt dafür die Stromzufuhr für die Anlage.
Was waren das für fröhliche Zeiten!
Das Gartenmitglied Manfred Trunzik von Beruf Elektroingenieur erstellte
die kostengünstige Montage innerhalb der Anlage zusammen.
Haupttrassen und Kleinverteilungen wurden so verlegt, daß alle
60 Parzellen Anschlußmöglichkeiten erhielten.
Diese Baumaßnahmen vollzog sich je nach Bedarf bis in die heutige
Zeit.
Der Strompreis je Kwh betrug 0,08 M der DDR.
In all diesen Jahren kam das geistig-kulturelle Vereinsleben nie zu
kurz. Planmäßige
Vorstandssitzungen, Mitgliederversammlungen, Fachvorträge aber
auch gemütliche
" Gartenvergnügen " trugen wesentlich dazu bei Natur , Umwelt,
aktive Erholung und Freizeit mit anderen Augen zu betrachten.
An dieser Stelle möchte ich besonders an das Frauenaktiv:
Karin Trute, Rosemarie Dörfler, Edelgart Spannaus, Elsa Liebetrau,
Edeltraud Herrmann und Ursula Schumacher erinnern,
die mit ihrem Fleiß und Ideen aktiv zum Spartenleben beitrugen.
Gesellschaftliche Höhepunkte in der Gemeinde ,
die 1125 Jahrfeier Großfurra,Rentnergeburtstage und mehr wurden
liebevoll mit Blumenspenden ausgestattet.
Lange Tradition hat auch die jährliche Erdbeersammlung für
den Kindergarten erfahren.Das Erntedankfest für die ältere Generation
im "Rentnertreff" mit zu gestalten brachte den Kleingärtnern Dank
und Anerkennung ein.
Würdigung erfuhr das Frauenaktiv von der Kreisorganisation mit
Urkunde und Prämie.
Doch Freud und Leid lagen dicht beeinander.
Mit zunehmenden Alter vieler Mtglieder forderte das Leben Tribut.
Krankheit und Todesfälle riß tiefe Lücken in die Gartengemeinschaft
, sie alle erfuhren unsere Anteilnahme.
Die Folge hinterließ die ersten " Leergärten ".
Einige konnten durch Mitgliedergewinnung bzw. Gartenzusammenlegung
neu verpachtet werden.
Das Interesse junger Familien wie einst ließ Ende der 80er Jahre
rapide nach, obwohl alle finanziellen Aufwendungen
für einen Kleingarten noch zum " Friedenspreis" zu haben waren!
Teil II. 1990 - 2001
Aus den jungen Kleingartenfamilien wurden hochbetagte Rentnerfamilien
die das Gartenhobby nicht mehr missen
möchten. Die Wiedervereinigung Deutschlands mit täglich neuen
Gesetzlichkeiten, einheitlichen Vorschriften ,
so das Bundeskleingartengesetz erforderten eine erneute " Lernphase
" in unbekannten Dimensionen.
Kein Gärtner kannte an seiner Wasserzapfstelle eine Wasseruhr,
Pachtzins, Strompreis und Grundsteuer.
Kostenumverteilung für die " Leergärten " waren die neuen
Inhalte des Lernens und das im hohen Alter vieler Mitglieder.
Ein ganzjähriges Obst- und Gemüseangebot in den Kaufhallen,
Baumaterial in allen Sortimenten, Reiseangebote in
alle Länder und die DM machten es möglich.
Moderne Gartengeräte vom Rasenmäher, Heckenschere, Rasentrimmer,
Motorhacke bis hin zu Pflanzenschutzspritzen
verdrängten die herkömmlichen Gartengeräte.
Diese Vorzüge der neuen Zeit konnten den Mitgliederschwund nicht
aufhalten. Im Gegenteil !
Das Frühjahr 2001 veranlaßte den Vorstand mit Sorge und
ein bißchen Wehmut die Anlage zurückzubauen um das
Preisgefüge für jeden einzelnen erträglich zu halten.
Trotz dieser turbulenten Jahre waren und sind aktive Kleingärtner
Optimisten.
Parallel zum Rückbau der Anlage erfolgte in vielen Stunden der
Um- und Ausbau einer ehemaligen Gartenlaube
zu einem schicken " Vereinshäuschen " , welches den Fleiß
und die Einsatzbereitschaft auch in der neuen Zeit dokumentiert.
Man möge mir verzeihen, wenn nicht alle Aktivitäten eine
jeden Einzelnen in dieser Erinnerung benannt wurden.
Ich bin kein Romanschreiber.
Juli 2001 aufgezeichnet vom langjährigen Spartenmitglied
Erhard Michel "